Projekte

Bibel und moderne Lyrik

Prof. Dr. Martin Nicol

Faszination eines Wechselspiels

Lust an Sprache

Datenbank im Internet, maßgeschneidert, Team für Recherche und Eingabe, Datenbestand von mittlerweile rund 2000 lyrischen Texten, Qualifikationsarbeiten, Vorlesungen, Publikationen - ein mittlerweile recht stattliches Projekt. Am Anfang stand schlicht die Lust an der Sprache.

1994 war ich für ein paar Monate Dozent am Protestantisch-Theologischen Institut in Hermannstadt/Sibiu im siebenbürgischen Rumänien. Ein Bändchen mit Lyrik für alle Fälle hatte ich im Reisegepäck. Darin fand sich ein Gedicht von Victor Wittner (1896-1949): „Bärtige Männer am Montag”. Irgendwo in der Bukowina betreten Männer ein Kaffeehaus, einfach so, am Montagmorgen. „Unbekannte Männer”, so der Dichter, seien es gewesen, fremd, nicht ganz von dieser Welt. Fremde Männer? Könnten es nicht drei gewesen sein? Genesis 18 kommt mir in den Sinn: Drei Männer, in der Tradition auch als Engel gedeutet, zu Besuch bei Abraham. Der Dichter, jüdischer Herkunft, dürfte die Geschichte gekannt haben. Die Bilder beginnen sich zu überlagern. Auf einmal sitzt Abraham im Kaffeehaus, und die fremden Männer im Kaffeehaus nehmen die Gestalt von Engeln an. Aus zwei verschiedenen Wirklichkeiten - hier Bibel, dort Kaffeehaus - wurde etwas Neues. Ein Wechselspiel, das fasziniert. Wenn ich beim Gedicht die Bibel mithöre und bei der Bibel das Gedicht, dann wird die Wirklichkeit eines bukowinischen Kaffeehauses durchsichtig für eine andere, fremde Wirklichkeit. Und das durch Sprache, allein durch Sprache.

http://www.lyrik-projekt.de

Seitdem ich im Kaffeehaus die Engel entdeckte und die Engel im Kaffeehaus, bin ich der Bibel in moderner Lyrik auf der Spur. Es hätte auch auf Prosa hinauslaufen können. Es hätte auch nicht unbedingt nur die deutsche Sprache sein müssen. Aus pragmatischen Gründen habe ich den Umfang des Projekts von Anfang an begrenzt: Biblische Spuren in der deutschsprachigen Lyrik nach 1945.

Es ist erstaunlich, wie häufig und wie vielfältig die biblischen Bezüge in der Lyrik bis heute sind. Nebenbei bemerkt: Es ist so gut wie immer die Lutherbibel, die da Spuren hinterlässt. Zuerst war ich alleine auf Spurensuche. Dann stellte ich Hilfskräfte ein, um die Spuren zu sichern. Zunächst taten wir das mit einem schlichten Datenbankprogramm, das auf einem PC installiert war. Seit 2001 übertrugen wir die Daten in eine vom Informatiker maßgeschneiderte und im Internet positionierte Datenbank (www.lyrik-projekt.de). Sponsoren wie die Staedtler-Stiftung förderten das Projekt. Inzwischen haben sich mehr als 2000 Gedichte angesammelt. Ein stattlicher Bestand, der rund um den Erdball abgerufen werden kann. Kleine Einschränkung: Man lässt sich für die begrenzte Zeit eines eigenen Recherche-Projekts ein Passwort geben; ungehinderter Zugang zu den Daten ist aus urheberrechtlichen Gründen nicht möglich.

Die Liste der Autorinnen und Autoren, von denen sich Gedichte in der Datenbank finden, erweitert sich ständig. Sie ist auf der Startseite der Homepage einzusehen und reicht derzeit, alphabetisch gesehen, von Henning Ahrens bis Eva Zeller. Die Großen der Nachkriegsliteratur wie Johannes Bobrowski oder Ingeborg Bachmann sind ebenso vertreten wie Autoren der unmittelbaren Gegenwart, etwa Jan Wagner oder Katharina Höcker. Bei manchen Klassikern, Nelly Sachs beispielsweise, haben wir bereits das gesamte lyrische Werk bearbeitet, während bei Gegenwartsautoren auch brandneue Gedichtbände nach biblischen Spuren durchsucht werden.

Dass bei der Auswahl immer auch der Zufall Regie führt, ist ebenso unvermeidlich wie reizvoll. Was aber auf keinen Fall eine Rolle spielen darf ist der persönliche Glaube der Dichterin oder des Dichters. Immerhin wurde Erich Frieds Lyrik bereits vollständig untersucht, die Lyrik eines Dichters mit jüdischer Herkunft, erklärtem Unglauben - und massiven biblischen Spuren aus der Hebräischen Bibel wie aus dem Neuen Testament. Ergebnis: eine Menge Texte für die Datenbank und ein gewichtiges Buch von Tanja Gojny.

Natürlich gehört die Auswertung des noch immer wachsenden Materials zu den Zielen unserer Arbeit. Dissertationen oder Zulassungsarbeiten für das Staatsexamen sollen lyrische Lebenswerke untersuchen oder biblische Motive quer durch die moderne Lyrik verfolgen. Die Voraussetzungen sind exzellent. Eine Vielzahl von Suchfunktionen steht zur Verfügung: Bibelstellen, Autoren, Sachbegriffe, Volltextsuche etc. Es wäre erfreulich, wenn der große Fundus an vielfältig abrufbaren Texten größere Aufmerksamkeit im Blick auf kompetente Bearbeitung finden würde.

Die Sache, um die es geht, ist höchst aktuell: die Bibel als Kulturbuch. Wie aktuell, das wurde auf schöne Weise manifest in Abendvorlesungen, die ich mehrfach in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Stadtakademie gehalten habe. Da fand das Wechselspiel von Bibel und moderner Lyrik über den Kreis der Studierenden hinaus Interesse in einer breiten Öffentlichkeit.

Inzwischen hat sich ein Bestand an lyrischen Texten mit biblischen Spuren angesammelt, der einzigartig ist. Wenn man die Bibel von Genesis bis Apokalypse durchgeht und auf Zahl und Gewicht der lyrischen Bezugnahmen achtet, dann ergeben sich bemerkenswerte Verdichtungen. Es gibt Teile der Bibel, etwa die Briefliteratur des Neuen Testaments, die von Dichterinnen und Dichtern kaum aufgerufen werden. Auf andere Passagen der Bibel, etwa die Exoduserzählungen oder die Bergpredigt, wird verlässlich Bezug genommen. Es ergibt sich eine eigene Topografie lyrischen Bibelgebrauchs. Sie stimmt, rein quantitativ, an vielen Punkten mit dem Bibelgebrauch traditioneller Frömmigkeit überein. Sie weicht aber auch charakteristisch davon ab, etwa wenn der Topos der Himmelfahrt bis in die unmittelbare Gegenwart lyrisch unverzichtbar scheint, während man kirchlich immer weniger damit anzufangen weiß.

Intertextualität

Arbeiten zum Verhältnis von Bibel und Literatur haben Konjunktur (vgl. Langenhorst). Beispielsweise widmet sich Karl-Josef Kuschel in Tübingen seit langem und mit erheblicher Breitenwirkung diesem Thema. Vor einem Jahrzehnt erschienen, herausgegeben von Heinrich Schmidinger, zwei Bände, die eine gewisse Summe der Arbeit im Spannungsfeld von Bibel und Literatur darstellen: „Die Bibel in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts”. In diesem Werk werden Formen und Motive, Personen und Figuren der gesamten Bibel im Spiegel der modernen Literatur beschrieben. Wenn sich solche Überlegungen auch überwiegend auf Prosa beziehen, so ist die Lyrik doch immer mit im Blick.

Von theologischer Seite werden herkömmlich die eigenen Fragestellungen in Texten der Literatur verfolgt. Generell könnte man sagen, es sei die religiöse Dimension von Wirklichkeit, die das Interesse der Theologie motiviert. Es bleibt die Frage, ob die Suche nach religiösen Motiven und Fragestellungen in Texten der Literatur ein hinreichend präzises, dem Gegenstand angemessenes Instrument der Recherche darstellt.

Im Rahmen unseres Bibel-Lyrik-Projekts suchen wir nicht religiöse Motive, sondern biblische Spuren. Wir positionieren unsere Arbeit in dem Diskurs, den vor allem die Literaturwissenschaft unter dem Stichwort „Intertextualität” seit geraumer Zeit führt (vgl. den programmatischen Aufsatz von Gojny/Deeg/Nicol). Damit treten Text-Text-Beziehungen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die theologische Nachfrage gerät weniger in Verdacht, eine autonome Literatur unter theologische Fragestellungen zu subsumieren. Es werden lediglich solche Wechselspiele zwischen Texten („Intertextualität”) verfolgt, die in der literarischen Vorgabe selbst angelegt sind. Für uns ist die Frage nach der „Religiosität” eines Autors oder einer Autorin bzw. von deren Texten nicht sonderlich relevant. Von Interesse ist zunächst nur, ob in einem lyrischen Text nachvollziehbar auf Texte der Bibel verwiesen wird.

Solche Text-Text-Wechselspiele haben es in sich. Durs Grünbein mahnt im Blick auf den deutlichsten intertextuellen Bezug, den es gibt, nämlich das Zitat: „Du bist, sobald das Zitat erst eingedrungen ist, nicht mehr dein eigener Herr.” Das ist die Erfahrung des Schriftstellers: Er zitiert, ruft einen anderen Text auf mitten im eigenen Text - und verliert die Kontrolle. Der aufgerufene Text macht etwas mit dem eigenen Text. Wer einen fremden Text im eigenen aufruft, initiiert ein Wechselspiel mit ungewissem Ausgang.

Das gilt für den Autor. Das gilt aber auch für die, die seine Texte lesen. Intertextualität ist zum guten Teil ein Rezeptionsphänomen. Wer sich als Rezipient auf ein Wechselspiel der Texte einlässt, wird selbst in ein Wechselspiel verwickelt, dessen Ausgang ungewiss ist. Texte rufen Texte und Kontexte auf. Mit der Homophonie traditionellen Lesens, das, sozusagen auf der Melodieebene, einer Sinnlinie folgen möchte, ist es vorbei. Wer sich intertextuell mit sprachlichen Zeugnissen beschäftigt, lernt gewissermaßen polyphon zu lesen. In der Musik bedeutet polyphones Hören: die Neben- und Unterstimmen mithören, die verborgenen Gegenläufigkeiten wahrnehmen und das spannungsvolle Miteinander prinzipiell gleichberechtigter Stimmen. Der Reiz eines gleichsam polyphonen Lesens ist mir in den Wechselspielen von Bibel und moderner Lyrik immer mehr aufgegangen.

Bei einem Wechselspiel von gleichberechtigten Partnern gibt es prinzipiell zwei Richtungen der Interpretation. Ich kann das Gedicht im Licht der biblischen Spuren interpretieren; die Datenbank stellt ein hervorragendes Mittel dar, solche Spuren auch in Zeiten abnehmender Bibelkenntnis zu identifizieren. Ich kann aber auch die Bibel im Licht ihrer lyrischen Rezeption auslegen. Ein entsprechendes hermeneutisches Konzept skizzierte Tanja Gojny in ihrer Arbeit über Erich Fried. Sie hat, den englisch-deutschen Doppelsinn von „art” aufgreifend, die Formel „eine andere art der Auslegung” geprägt. Darin kommt der ästhetische Kontext solcher Hermeneutik ebenso zur Geltung wie die vorsichtige Analogie zu einem jüdischen Umgang mit Texten unter dem Stichwort des Midrasch. Die Rabbiner gingen nicht von der einen und richtigen Deutung einer Bibelstelle aus, sondern von einer prinzipiell nicht abschließbaren Vielfalt der Deutungen. Solche Offenheit gegenüber neuen und anderen Einsichten favorisiert polyphones gegenüber homophonem Lesen. Es geht um den Text in einer Vielfalt von Kontexten. Auf der Grundlage prinzipieller Intertextualität wenden wir uns mit Jochen Hörisch gegen die herkömmliche, gerade in der Theologie nicht unübliche „Wut des Verstehens” und lassen uns hinein nehmen in unabgeschlossene und nicht abschließbare Wechselspiele von Bibel und moderner Lyrik.

„Abenteuer” - intertextuell

Wie könnte die Doppelbewegung der Auslegung, Bibel - Lyrik und zurück, praktisch aussehen? Mehr oder minder zufällig greife ich einen Text aus der Datenbank heraus. Er birgt eine Intertextualität, die sich aus biblischen wie nichtbiblischen Bezügen bildet. Ich versuche, die eigentümliche Polyphonie in diesem „Abenteuer” wahrzunehmen:

Abenteuer

Alle vierzehn Tage von Kopf bis Fuß
auf Liebe eingestellt. Die
Braut trägt schwarz bis
auf die Knochen und
seht der Bräutigam kommt
mit der S-Bahn.
Schon im Cafe kommen beide
zum Austausch seltener Sätze. Sie
reißt den Mund auf. Er
spült lauwarm nach. Dann
stellt sich Erregung ein und
das Taxi nach Moabit.
Handgreiflich werden beide
sogleich. Nichts ist
zu erwarten. Die Ringe
klirren. Es gilt wieder mal
zu geben zu nehmen
wie’s kommt.

[Ulla Hahn, 1981]

Wovon im Gedicht die Rede ist: Seitensprung, vierzehntägig. Ein „Abenteuer” mag das am Anfang gewesen sein. Jetzt spricht aus dem Titel nur noch Ironie. Das Gedicht inszeniert ein verlässlich ödes Geschehen. Auf der Textoberfläche jedenfalls.

Bei näherem Hinsehen erweist sich das eher unscheinbare Gedicht als ein überraschend polyphones Sprachgebilde. Ich notiere die Stimmen, die bei polyphonem Lesen hörbar werden:

  • Da ist der berühmte Song von Marlene Dietrich: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”. Seit den ersten beiden Gedichtzeilen klingt er mit. Der Song signalisiert erotische Sehnsucht - die freilich durch die Zeitangabe sofort ironisch gebrochen wird: von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, ja, aber nur „alle vierzehn Tage”.
  • Da ist das biblische Gleichnis von den, wie es in der Lutherbibel heißt, klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13). In der fünften Zeile findet sich fast wörtlich die biblische Referenz: „Siehe, der Bräutigam kommt” - so heißt es in der Bibel (Mt 25,6). Hochzeit ist angesagt. Nur wer brennende Lampen hat, darf zum Fest. Die fünf klugen Jungfrauen haben Öl auf Vorrat und dürfen in den Saal, als der Bräutigam kommt. Die Szene wird traditionell auf die Wiederkunft Christi interpretiert. Mit dem Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme” (1599) von Philipp Nicolai (Evangelisches Gesangbuch Nr. 147 / Gotteslob Nr. 110) kommt dieser endzeitliche Kontext auch in der Spiritualität der Kirche zur Geltung. Es geht um das (Wieder-) Kommen des Messias am Ende der Zeit. Der Kontext des Gleichnisses signalisiert eschatologische Sehnsucht.
  • Und da ist Johann Sebastian Bach mit seiner Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme” (BWV 140) zum letzten Sonntag im Kirchenjahr. Die Kantate ist im Kern eine Choralkantate zu Philipp Nicolais Lied. Sie repräsentiert einen nicht unwichtigen Strang der Wirkungsgeschichte des biblischen Gleichnisses (vgl. Luz). In der Spur der Mystik inszeniert Bach, vielfach vermittelt durch Sprachstücke aus dem Hohenlied, die Liebe zwischen Braut und Bräutigam. Die Gläubigen, symbolisiert durch die klugen Jungfrauen, wandeln sich selbst zur Braut, die auf ihren Bräutigam wartet. Im dritten Satz komponiert Bach ein sublim erotisches Liebesduett zwischen Bräutigam und Braut, zwischen Jesus und der Seele, zwischen Bass und Sopran. „Wenn kömmst du, mein Heil?” - so der Sopran. Darauf der Bass: „Ich komme, dein Teil.” Die Bachkantate bringt in das polyphone Textgebilde die Klangfarbe mystischer Sehnsucht ein - die freilich durch die Angabe des Verkehrsmittels sofort wieder entzaubert wird: Seht, der Bräutigam kommt, ja, aber eben mit „mit der S-Bahn”.

Insgesamt also ein fast schon verwirrend polyphones Sprachgebilde. Ich bringe etwas Ordnung ins Miteinander und Durcheinander aus Ulla Hahn, Marlene Dietrich, Matthäus und Johann Sebastian Bach.

Es geht in dem Gedicht um Liebe. Was sie „ist”, wird nicht gesagt. Zum Glück. Wer wollte auch den Anspruch erheben, das definitiv zu wissen? Aber für das, was sie sein könnte, wird ein gewaltiger Spannungsbogen aus Paradigmen der Liebe eröffnet. Der Bogen reicht vom Seitensprung vierzehntägig bis zur Liebe in Ewigkeit, die dem wiederkommenden Christus gilt. Dazwischen wären auf dem Spannungsbogen zu positionieren: die erotische und die mystische Liebe. Plötzlich wird das kleine Gedicht neu und anders zum „Abenteuer”: auf der Oberfläche eine Taxifahrt zum Seitensprung, darunter die ganze Palette der Sehnsucht, Erinnerungen an eine Liebe, die von Kopf bis Fuß bis in die Ewigkeit reicht.

Was die biblische Spur für das Gedicht bringt, ist evident: eine Bedeutungsdimension, die ansonsten verborgen bliebe. Was aber bringt das Gedicht für das biblische Gleichnis? „Meistens”, so Ulrich Luz, „… wurde die Parabel als Paränese an die christliche Gemeinde gebraucht” (S. 481). In der Tat, die Geschichte christlicher Predigt favorisiert eine paränetische Auslegung. Demgegenüber bringt das Gedicht eine Wirkungsgeschichte zur Geltung, die gegenwärtig kaum Beachtung findet. Es ist die Spur brennender Gottesliebe, die jener endzeitliche Text aus Mt 25 in der Geschichte der christlichen Mystik gezogen hat. Habe ich Ulla Hahns „Abenteuer” im Ohr, werde ich beim Lesen und Auslegen von Mt 25 diese Spur nicht mehr vergessen. Die Tatsache, dass das biblische Gleichnis überhaupt das Bild von Braut und Bräutigam verwendet, verliert an Selbstverständlichkeit, weckt neues Interesse. Und noch etwas: In der christlichen Brautmystik gab es zwischen der Sprache der Erotik und der Sprache der Gottesliebe, vermittelt durch das Hohelied, stets kräftige Wechselwirkungen. Auch daran erinnert Ulla Hahn mit ihrem kleinen, überaus polyphonen Text aus dem Alltag der großen Stadt.

Es lohnt, intertextuell oder auch polyphon zu lesen. Mehr noch, solches Lesen fasziniert und lässt die, die es einmal in seinen Bann gezogen hat, nicht mehr los. Die Arbeit mit der Datenbank sensibilisiert Auge und Ohr für die vielen Stimmen, die in Wirklichkeit um mich sind. Weit öfter als zunächst vermutet ist auch die Stimme der Bibel dabei. Und mit ihr, in Pro und Contra, die Gotteswirklichkeit, die in den Worten, Bildern und Geschichten der Bibel konnotiert ist.

Literatur

Tanja Gojny, Alexander Deeg, Martin Nicol: Vernetzte Texte. Bibel und moderne Lyrik im Wechselspiel. In: Praktische Theologie 37 (2002). S. 298-311.

Tanja Gojny: Biblische Spuren in der Lyrik Erich Frieds. Zum intertextuellen Wechselspiel von Bibel und Literatur. Theologie und Literatur Bd. 17. Mainz 2004.

Durs Grünbein: Z wie Zitat. In: Ders.: Warum schriftlos leben. Aufsätze. Frankfurt/M. 2003. S 69-73.

Ulla Hahn: Abenteuer. In: Dies.: Herz über Kopf. Gedichte. Stuttgart 1981. S. 34.

Jochen Hörisch: Die Wut des Verstehens. Zur Kritik der Hermeneutik [1988].

Erw. Nachauflage. Frankfurt/M. 1998.

Karl-Josef Kuschel: Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Zürich u.a. 1978.

Karl-Josef Kuschel: Im Spiegel der Dichter. Gott, Mensch und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Düsseldorf 1997.

Georg Langenhorst: Bibel und Literatur 2003. In: Stimmen der Zeit 221 (2003). S. 407-417.

Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. EKK I/3. Neukirchen-Vluyn / Düsseldorf 1997.

Martin Nicol: Engel im Kaffeehaus. Zur Schriftauslegung durch Lyrik. In: Kirche - Geschichte - Glaube. FS Hermann Pitters. Hg. v. Hans Klein, Berthold W. Köber u. Egbert Schlarb. Erlangen 1998. S. 310-319.

Martin Nicol: Himmelfahrt. Von einem gestaltlosen Fest und seiner Gestalt in der Kunst. In: Spirituelle Aufbrüche. Perspektiven evangelischer Glaubenspraxis. FS Manfred Seitz. Hg. v. Michael Herbst. Göttingen 2003. S. 212-223.

Heinrich Schmidinger (Hg.): Die Bibel in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. 2 Bde. Mainz 1999.

Viktor Wittner: Bärtige Männer am Montag. In: Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina. Hg. v. Klaus Werner. Frankfurt/M. / Leipzig 1991. S. 25.